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"Es schwirren viele Fehlinformationen herum" - Interview mit Selbstbestimmt steril e.V.

Foto: Rahel Uddin
Foto: Rahel Uddin

In meinem gestrigen Insta-Post bin ich ja bereits auf meine eigene Erfahrung in Bezug auf meinen Sterilisationswunsch eingegangen. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass mit diesem Wunsch so große Hürden verbunden sind und was du dir unter Umständen bei dem Thema für Steine in den Weg gelegt werden. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich vor einiger Zeit auf den Verein Selbstbestimmt steril e.V. gestoßen bin, der genau dieses Thema zu seiner Herzensangelegenheit erklärt hat und hier für Personen mit Sterilisationswunsch etwas verändern möchte. 

 

In heutigen Interview mit Susanne - einer der Vereinsgründerinnen - erfahrt ihr, wie genau der Verein entstanden ist, was die Gründerinnen antreibt und wo ihr weitere Informationen bekommt. Und Susanne klärt auch gleich mal ein paar Mythen rund um die Sterilisation auf, die so herumgeistern und auf die ihr vielleicht auch schon gestoßen seid. 

 

Viel Spaß beim Lesen!

Was ist die Geschichte hinter “Selbstbestimmt steril e.V.”? Wie seid ihr auf die Idee gekommen, den Verein zu gründen?

Es ging Ende 2018 los, nachdem ich und eine gute Freundin bereits sterilisiert waren. Ich lebe in Sachsen, sie in Bayern, ich war bei meiner Sterilisation 28 und sie war 31, wir beide sind kinderfrei. Aus dem Internet wusste ich eigentlich, dass der Weg zu einer Sterilisation i.d.R. steinig ist, bei uns war es nicht so: Ich habe auf eigene Faust nach Gynäkolog*innen für den Eingriff gesucht und war beim zweiten Anruf schon erfolgreich, sie wurde von ihrem Gynäkologen überwiesen. 

 

Und dann dachte ich mir: Wenn es für uns beide so einfach war, wieso werden andere Menschen immer wieder abgewiesen und müssen manchmal jahrelang suchen, bis sie endlich sterilisiert werden können? Wir können ja nicht durch Zufall die einzigen beiden Gynäkolog*innen in Deutschland gefunden haben, die keinen Terz machen? Es muss mehr geben und jemand muss sie zentral in einer Liste oder Karte verzeichnen.

 

Ich war damals sehr aktiv im Forum von Kleiderkreisel (mittlerweile heißt es Vinted) und habe diese Problematik und die Idee mit der Karte in einem Thread vorgestellt. Es haben sich sehr schnell einige interessierte Forenmitglieder aus ganz Deutschland gemeldet und wir haben noch am selben Tag einen Gruppenchat beim Messenger Telegram erstellt, weil die Kommunikation dort einfacher (und privater) als im Forum war. Die eingangs erwähnte Freundin war ebenfalls ab Stunde 0 dabei. Da haben wir dann alles ausbaldowert – wie finden wir passende Gynäkolog*innen und überzeugen sie von der Karte, was können oder sollten wir zusätzlich zur Karte noch „bieten“, wo und wie sind wir präsent (Homepage, Social Media) usw.

 

Die Vereinsgründung am 31.08.2019 war nur noch eine logische Schlussfolgerung, denn ein Verein ist eine konkrete Rechtsform und nicht nur eine Gruppierung von Einzelpersonen. Die Haftungsfrage ist geklärt, wir wirken seriöser und seit wir gemeinnützig sind, können wir Spenden annehmen und uns eines Tages vielleicht sogar für staatliche Fördergelder bewerben. 

Ein wunderschöner Bonus war, dass wir uns bei der Gründung zum ersten Mal alle live kennengelernt haben. Wir haben uns schon virtuell sehr gut verstanden und als wir dann alle zusammen in einem Raum saßen, war die geballte positive Energie fast schon greifbar. 

Was ist eure Mission und an wen richtet ihr euch mit eurem Verein?

Wir richten uns primär an Personen mit Uterus, die einen Sterilisationswunsch haben. „Personen mit Uterus“, kurz PmU, ist in diesem Kontext inklusiver und treffender als „Frau“: Nicht jede Frau hat einen Uterus (z. B. Personen nach einer Hysterektomie oder trans Frauen) und nicht jede Person mit Uterus ist eine Frau (z. B. trans Männer, non-binäre oder intersexuelle Personen mit Uterus). Der Uterus ist notwendig für eine Schwangerschaft und somit der kleinste gemeinsame Nenner. 

 

Im weiteren Sinne richten wir uns zudem an Gynäkolog*innen, die Sterilisationen durchführen und auf der Karte eingetragen werden könnten, und die gesamte Gesellschaft bzw. an alle, die Sterilisation noch nicht als das sehen, was sie ist: eine valide, permanente Verhütungsmethode. 

 

Unser größtes Ziel ist eine Karte von Deutschland, die möglichst flächendeckend mit verständnisvollen Gynäkolog*innen gefüllt ist! (Wir beschränken uns aus rechtlichen Gründen auf Deutschland.) Außerdem informieren wir über Sterilisation, denn leider werden im Internet und teilweise auch von Gynäkolog*innen viele Fehlinformationen verbreitet.

 

Ein paar Beispiele: 

  • Nach der Sterilisation kommt man sofort in die Wechseljahre. Falsch: die Eierstöcke werden weiter durchblutet und der Zyklus läuft bis zur Menopause weiter
  • Die Sterilisation ist ein großer, riskanter Eingriff. Falsch: die Sterilisation wird normalerweise minimal-invasiv per Bauchspiegelung durchgeführt (oder beim Kaiserschnitt bzw. in Ausnahmefällen mittels Bauchschnitt) und OPs dieser Art finden täglich unzählige Male in deutschen Krankenhäusern statt.
  • Eine Sterilisation ist erst ab 35 Jahren oder 2 geborenen Kindern legal. Falsch: sobald eine Person volljährig und mündig ist, zum Eingriff beraten wurde und die Aufklärungsbögen unterzeichnet hat, kann sie sterilisiert werden.

Sterilisation wird in der Gesellschaft oft kritisch betrachtet. Darum haben wir eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Personen (sterilisiert oder mit Sterilisationswunsch, mit Kindern oder ohne) über ihre Erfahrungen austauschen können. Einige Menschen, deren Umfeld kein Verständnis für Sterilisation zeigt, sind in dieser Gruppe zum ersten Mal überhaupt in Kontakt mit anderen Personen gekommen, die genauso denken wie sie. Ein Satz, den wir daher häufig lesen: „Ich dachte immer, ich wäre die einzige, der es so geht!“

 

In den letzten Monaten durften wir außerdem ein paar (virtuelle) Vorträge über Sterilisation und die Vereinsarbeit halten. Davon haben wir zu Beginn des Projekts nur geträumt!

Wo finde ich euch und über was kann ich mich bei euch informieren? Was passiert auf welchen Kanälen?

Die wichtigste Plattform ist unsere Homepage: www.selbstbestimmt-steril.de

 

Dort findet man unsere Karte, Antworten auf die häufigsten Fragen zu Sterilisation, Erfahrungsberichte von sterilisierten Personen (und Personen mit Sterilisationswunsch), einen kleinen Shop mit Flyern, Aufklebern und Beuteln und Informationen über den Verein. 

 

Außerdem sind wir auf den Social-Media-Kanälen Instagram, Twitter und Facebook vertreten, bei letzterem mit einer Seite und der bereits erwähnten Gruppe. Dort teilen wir neue Erfahrungsberichte, Artikel und Videos über Sterilisation, weisen auf Vorträge hin, informieren via Storys über neue Einträge auf der Karte und veröffentlichen Interviewanfragen von Journalist*innen und Studierenden. Vereinsmitglieder haben zudem Zugriff auf unseren Discord-Server, auf dem mittlerweile die gesamte Kommunikation zur Vereinsarbeit stattfindet – den müssen wir aber noch ein wenig aufbauen.

Wie kann ich euren Verein unterstützen?

Sofern es im Alltag thematisch passt: reden, reden, reden! Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die Sterilisation tatsächlich eine praktische, verfügbare Verhütungsmethode ist und es schwirren viele Fehlinformationen herum. Wenn sich also die Möglichkeit zur Aufklärung bietet, dann ergreift sie! Insbesondere beim nächsten Besuch in der Gyn-Praxis könnte die*der eigene Gynäkolog*in darauf angesprochen werden: Gibt es in der Praxis eine ergebnisoffene Beratung zu Sterilisation oder wird sie sogar durchgeführt? Falls nicht, könnte man eine Überweisung erhalten? Wenn dabei unser Verein und die Karte erwähnt werden – umso besser, denn viele Menschen finden über Empfehlungen im privaten Umfeld zu uns. Dasselbe gilt auch für Social Media: Abonniert unsere Kanäle, reagiert auf unsere Posts und teilt sie, schreibt Kommentare usw.

 

Weiterhin könnt ihr unseren Verein durch Spenden unterstützen, oder ihr kauft Artikel aus unserem Shop und verwendet sie entsprechend – Flyer an Gyn-Praxen verteilen, Aufkleber an passende Stellen kleben, mit dem Stoffbeutel einkaufen gehen. Mit den Umsätzen bezahlen wir Website-Hosting, E-Mail-Konto und Versicherungen, drucken neue Flyer oder bezahlen die Fahrt zum nächsten Vortrag (sobald Präsenzvorträge wieder möglich sind).

 

Wenn ihr uns regelmäßig finanziell und bei der Vereinsarbeit unterstützen wollt, könnt ihr Mitglied im Verein werden.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast und die vielen spannenden Einsichten und Erkenntnisse in eure Arbeit!

Also, Leute: Wenn ihr euch selber für das Thema interessiert, dann schaut unbedingt auf der Website und den entsprechenden Kanälen vorbei! Dort habt ihr auch die Möglichkeit, euch mit anderen Gleichgesinnten zu vernetzen! :)

 

Wie ist das bei euch? Habt ihr selbst einen Sterilisationswunsch oder seid vielleicht schon sterilisiert? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

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